Kindeswohlgefährdung in Essen – wir haben Fragen

Die Fälle von Kindeswohlgefährdung haben in Essen deutlich zugenommen. Bei diesem Thema ist Essen wirklich Spitze – und es betrifft sozusagen „die ganze Stadt“: Die Kinder – deren Eltern – all diejenigen, die mit Kindern arbeiten in Schulen, Kitas, im OGS  und natürlich die Kolleginnen und Kollegen im ASD. Wir haben schon im vorigen Jahr einige Fragen an die Verantwortlichen bei der Stadt gehabt. Wirklich zufrieden waren wir mit den Antworten nicht, haben nun nachgefasst und dem Essener Beigeordneten Renzel einen Brief geschrieben …

Das Thema bleibt auf der Tagesordnung …

Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft
ver.di Bezirk Essen • Teichstr. 4a • 45127 Essen
Teichstr. 4a • 45127 Essen
Fachbereich 7 Gemeinden

Stadt Essen
GBV 5
Beigeordneter Peter Renzel
Rathaus, Porscheplatz, 45127 Essen

Kindeswohlgefährdung in Essen

Sehr geehrter Herr Renzel,

die Meldung aus der WAZ vom 28.07.2017 – Kinder sind in der Stadt Essen immer häufiger gefährdet – beschreibt eine Zunahme der Kindeswohlgefährdungs-meldungen um 50% von 1572 auf insgesamt 2309 für das Jahr 2016. Dies ist von besonderer Bedeutung, da Sie, in Ihrem Antwortschreiben auf einen offenen Brief unserer Gewerkschaft im Oktober 2016 noch von einer Größenordnung von ca. 1360 Meldungen für das Jahr 2016 ausgingen.

Völlig unabhängig davon, wie Sie zu der gravierenden Fehleinschätzung (+ ca. 1000 Gefährdungsmeldungen binnen eines Jahres) kommen konnten, müssen wir als Gewerkschaft ver.di davon ausgehen, dass die, von Ihnen im vorgenannten Schreiben als „einmalige Statistikeffekte“ benannte, weitere Zunahme für die Jahre 2014/2015 nicht als Begründung für die Steigerung der Zahlen für das Jahr 2016 ausreichen kann.

In Ihrem Schreiben von vor einem Jahr erklärten Sie weiter, dass die damalige Steigerung der Zahlen um 30% auf 1572 für das Jahr 2015 zu keiner wesentlichen Veränderung des Arbeitspensums geführt hätte, was wir bezweifelten.
Wenn es jetzt zu einer weiteren Steigerung der Zahlen um nochmals 50% gekommen ist, müssen wir als Gewerkschaft von einer erheblichen Überlastung der MitarbeiterInnen im ASD zwingend ausgehend.

Dies zusätzlich auch vor dem Hintergrund der von Ihnen damals angekündigten – und jetzt im Frühjahr 2017 – im Jugendhilfeausschuss verabschiedeten Fachstandards zur Bearbeitung von Kindeswohlgefährdungsmeldungen.

Wir begrüßen die beabsichtigte Qualitätssteigerung, gehen allerdings auch von einem damit einhergehenden erhöhten Zeitaufwand für diese Bearbeitung aus. Oder verhält es sich so, dass mit der Verabschiedung dieses Fachstandards die Bearbeitung von Gefährdungsmeldungen beschleunigt wird?

Zusammenfassend sehen wir als Gewerkschaft ver.di die Notwendigkeit einer sofortigen Überprüfung der Arbeitsbedingungen im ASD gemäß § 2 der Anlage zu Abschnitt VIII Sonderregelungen TVÖD (TV Betrieblicher Gesundheitsschutz) und schlagen vor, umgehend ein Personalbemessungsverfahren einzuleiten.
Eine Mitarbeiterbefragung im ASD aus dem Jahr 2012 hatte bereits erhebliche Problemstellungen benannt, aber es wurden bisher keine geeigneten Maßnahmen eingeleitet. Eine bloße Umverteilung der eingesetzten Fachkräfte, wie es in den vergangenen Jahren praktiziert wurde, reicht nicht aus. Wir brauchen vielmehr eine Anpassung der personellen Ausstattung an dem realen Arbeitsaufwand.

Als Sofortmaßnahme fordern wir die Aufstockung des Fachpersonals um je zwei MitarbeiterInnen pro Bezirksstelle und Schaffung entsprechender Planstellen.

Der von Ihnen stets angeführte Hinweis, dass es im Arbeitsbereich des ASD – im Gegensatz zu fast allen anderen Arbeitsfeldern der Verwaltung (außer KiTa und Feuerwehr) – zu keinen Personalkürzungen gekommen sei, kann aufgrund der o.g. Problemstellungen nicht mehr greifen.

Zudem bitten wir Sie um die Beantwortung folgender Fragen:

– Wann wurde im Allgemeinen Sozialen Dienst der Stadt Essen zuletzt ein Personalbemessungsverfahren durchgeführt?
o Wie waren die Ergebnisse?
– Wie schätzen Sie die aktuelle Belastung der eingesetzten Fachkräfte ein?
o Wenn Sie wie wir eine hohe Belastung für die Beschäftigten im ASD sehen sollten: Wie kann dieser Belastung auch im Sinne des Tarifvertrags zum betrieblichen Gesundheitsschutz adäquat entgegengewirkt werden?
– Welche Stellenanpassungen an die veränderten gesetzlichen und gesamtgesellschaftlichen Veränderungen hat es in den letzten 10 Jahren gegeben?
– Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass Aufgrund der Überlastung der Beschäftigten MELDUNGEN übersehen werden, so dass Kinder zu Schaden kommen?
– Sehen Sie auch einen Zusammenhang zwischen hoher Belastung der MitarbeiterInnen im ASD – die unter anderem auch durch die zusätzliche zeitliche sowie psychische Belastung einer um 130% gestiegenen Anzahl Kindeswohlgefährdungsmeldungen entsteht – und Vernachlässigung anderer Jugend-hilfemaßnahmen?
– Würden Sie eine Anpassung der Standards des Fachbereiches oder die Ausführung der Aufgaben im Sinne der Standards präferieren?
– Falls Sie die Beibehaltung derzeitiger Essener Standards bevorzugen: Ist dies Ihrer Meinung nach mit der Anzahl der aktuell beschäftigten MitarbeiterInnen tatsächlich realisierbar?

Mit freundlichen Grüßen
Martina Peil
Gewerkschaftssekretärin
ver.di Bezirk Essen
Fachbereich Gemeinden