Frohe Ostern allerseits

… und eine kleine Osterlektüre gibts dazu: Den Text der tollen Rede, die Lara Turek, ver.di-Vertrauensfrau und Sozialarbeiterin, am 8. März während der Kundgebung in Essen gehalten hat.

Sozialarbeiterin? Das ist doch vor allem Kaffee trinken und ein bisschen Laberei!
Sozialarbeiterin? Dann lässte dich also für deinen Helferkomplex bezahlen?
Sozialarbeiterin? Wofür muss man denn da studieren?

Mindestens einen dieser Kommentare durfte sich die eine oder andere Person hier auf dem Platz sicherlich schon mal anhören. Wenns gut läuft wird man belächelt, wenns schlecht läuft abgewertet. Wir machen ja „keine richtige“ Arbeit. Das ist die eine Seite der Vorurteils-Medaille. Die andere Seite zeigt sich, wenn dann plötzlich alle genau wissen, dass wir unsere Arbeit „nicht richtig“ gemacht haben. „Das hätte man doch mitbekommen müssen“ heißt es dann, oder „Die Warnzeichen waren doch schon lange bekannt“, oder auch gerne „Wie kann man als Frau und Mutter sowas nicht spüren?“. Das Damoklesschwert der Kindeswohlgefährdung, die man nicht sieht, nicht ordentlich dokumentiert, bei der man einmal zu wenig nachhakt – es schwebt über vielen von uns, jeden Tag, und treibt uns die Gänsehaut in den Nacken. Als SozialarbeiterInnen sind wir häufig die Schnittstelle zwischen denen, die sich in ihren Einflussbereichen darum kümmern, dass es den Kindern (aber auch ihren Familien) gut geht. Ärzte, Polizei und Justiz, aber auch Schulen bzw. Kitas sowie Vereine, Wohlfahrtspflege und co. wende sich an uns. Das machen wir gerne, denn das ist ja auch ein Stück weit das Besondere an diesem Beruf: Schnittstellenmanagement für Familien. Bei immer weiter steigenden Fallzahlen gelingt uns das allerdings immer weniger in einer zufriedenstellenden Art und Weise. Zudem verlangen immer komplexere Problemlagen mehr Zeit pro Fall – und dadurch mehr Aufwand bei gleichbleibender oder gar einbrechender Personaldecke. Wenn es gut läuft, kann man ein paar Brände löschen – Brandherde erkennen, bevor sie ausbrechen: häufig illusorisch.

Gleiches gilt für die anderen Bereiche, in denen Sozialarbeit – wenn auch nicht immer ausschließlich durch SozialarbeiterInnen – geleistet wird. Wir kümmern uns um die, um die sich sonst keiner kümmern kann oder will. Seien es Kinder und Jugendliche mit oder ohne besonderem Unterstützungsbedarf, Eltern, die nicht mehr weiter wissen, Eltern, die sich bessern wollen, die Armen, die Sprachlosen, die körperlich und psychisch erkrankten, die ohne Zuhause, die mit neuer Heimat oder ohne neue Heimat auf der Durchreise, und und und. Das machen wir nicht aus reiner Nächstenliebe. Das machen wir, weil wir versuchen, diese Gesellschaft zu einer besseren zu machen. Das machen wir, weil wir menschlich, charakterlich, aber vor allem aufgrund unserer Profession dazu in der Lage sind, jeden Tag in Vollzeitjob plus Überstunden das Elend dieser Welt zu sehen und trotzdem noch Lächeln und Schlafen zu können, ohne dabei den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Jeden Tag stehen wir auf, gehen da raus und sorgen dafür, dass unserer Gesellschaft für einen weiteren Tag ein bisschen der Arsch gerettet wird. Aber wer rettet denn uns den Arsch? Wir schleppen das zweite Jahr in Folge Resturlaub mit, weil wir ihn wieder nicht nehmen konnten. Oder die KollegInnen reichen sich aus dem Krankenschein in den Krankenschein die Klinke in die Hand, weil einer nach dem anderen im Burn-Out landet.

 Alle reden davon, dass die Herausforderungen für uns als Gesellschaft die nächsten Jahre zunehmen werden. Das heißt auch, dass die Anforderungen an uns SozialarbeiterInnen immer weiter steigen werden. Damit es weiterhin noch Leute gibt, um die Welt zu retten, müssen die Arbeitsbedingungen besser werden. Es muss mehr Personal her und dieses muss seiner gesellschaftlichen Verantwortung entsprechen bezahlt werden. Dabei ist es ein Hohn, dass die Arbeitgeber ausgerechnet die aktuelle Fluchtbewegung als Gegenargument für eine bessere Bezahlung anführen. Es kann nicht sein, dass ich fürs Brücken bauen mehr verdiene als für die Bewahrung des Kindeswohls im größten Ballungsgebiet Deutschlands. Wir retten gerne weiter die Welt, das haben wir schließlich studiert. Aber es wird auch Zeit, dass wir uns dafür das zurück holen, was wir verdienen.

 

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