… und wer schützt die Erzieher*innen?

Die Meldungen auf unserer Webseite – insbesondere die >>> vom 15. Januar – haben Diskussionen und etliche Anrufe ausgelöst. So soll es sein, denn wir wollen, dass die Ansichten und tagtäglichen Erfahrungen der Kolleg*innen in den Kitas und im Offenen Ganztag öffentlich wahrgenommen werden. Einige Kolleg*innen haben sich auch bereit erklärt, etwas zu schreiben. Dafür bedanken wir uns herzlich.

Aus datenschutzrechtlichen Gründen haben wir die Texte von zwei Kolleginnen anonymisiert (xxx), sie aber ansonsten ungekürzt gelassen. Hervorhebungen von der Redaktion. Am Ende auch die Antwort von Martina Peil:

Hallo Martina,

erstmal vielen Dank dass ihr euch so für unsere Berufsgruppe einsetzt. Ich möchte jetzt mal Gebrauch von deinem Angebot machen, Stellung zu nehmen zu unserer besonderen Situation. Für uns ist es auch nicht nachvollziehbar, dass alle Bereiche starke Veränderungen im Berufsalltag erleben und in den Kitas läuft annähernd ein Normalbetrieb. Aktuell haben wir 60-70 Prozent der Kinder hier und nach wie vor keine Möglichkeit die Maßnahmen, die überall eigentlich gelten, umzusetzen. Wir haben engsten Körperkontakt zu ca. mindestens xxx Personen , es halten sich ca. xxxx Personen aus ebenso vielen Haushalten auf in relativ kleinen Räumen auf. Die Kinder haben, anders als in der Schule, keine zugewiesenen Sitzplätze, Spuckschutz ist nicht möglich und ob der Dauergebrauch von (FFP2)-Masken sinnvoll oder eher schädlich ist, ist auch nicht geklärt. Kleine Kinder haben häufig die Finger im Mund und fassen den Erzieher*innen in‘s Gesicht und an die Maske. Kranke Kinder werden immer noch gebracht, wenn wir sie abholen lassen, kommen sie am nächsten Tag wieder mit der Aussage „zu Hause hatte sie/er nichts“.

Ärztliche Atteste dürfen wir nicht verlangen, Kinder werden aber sowieso kaum und wenn nur sehr widerwillig getestet, von unseren xxx Kindern sind meines Wissens xx Kinder getestet worden. Wir glauben, dass die Aussage; das Kinder das Virus nicht verbreiten, auch darauf beruht, dass die Testungen nicht durchgeführt werden.

Wir schlagen vor, dass erkrankte Kinder nur mit einem negativen Test wieder in die Kita kommen dürfen. Dass das schwer durchzusetzen wäre, ist klar.

Auch die immer wieder zu hörenden Meinungen, dass Kinder darunter leiden, bei ihren eigenen Eltern zu sein, können wir so nicht bestätigen. Einigen, vor allem den U3-Kindern, tut das sogar richtig gut. Den Eltern wird es aber anders suggeriert und Kinder werden deshalb gebracht, obwohl sie nicht müssten.

Im privaten Bereich haben einige von uns schon erlebt, dass sich Menschen eher von uns fernhalten mit der Aussage „Du arbeitest doch in der Kita, ihr seid doch alle infiziert und ich möchte mich nicht anstecken“. Auch um unsere eigenen älteren Angehörigen machen wir uns Sorgen.

Das spiegelt unsere Situation in etwa wieder.

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Liebe ver.di-Kollegen/innen,

ich habe nun lange überlegt, ob ich diese Zeilen schreiben soll, aber nach der letzten ver.di-Mail ist nun der Zeitpunkt für mich gekommen einiges loszuwerden.

Mein Name ist xxxx und ich bin Erzieherin in einer der vielen städtischen Kindertagesstätten der Stadt Essen.

Vor fast acht Jahren, ich war gerade mit meiner Ausbildung fertig, bin ich der ver.di beigetreten, weil ich dachte, dass ich immer auf eure Hilfe zählen kann, sollte ich mal mit meinem Arbeitgeber oder mit meinen Arbeitsbedingungen nicht mehr weiter wissen oder nicht einverstanden sein.

Doch nun muss ich meinen Unmut über eure Unterstützung für uns Erzieher in dieser schlimmen Zeit loswerden. Ich weiß, dass die Pandemie allen Menschen viel abverlangt und man nicht weiß, wo und wie man anfangen soll, da es so etwas vorher noch nie gab. Doch wo ist die ver.di? Wo ist eure Unterstützung?

Seit 10 Monaten stehen wir Erzieher immer hinten an. In den ganzen Verordnungen sind wir die ewige Grauzone. Schulen werden geschlossen, ohne wenn und aber. Bei den Kitas entscheiden die Eltern selber? Wie kann das sein? Alle anderen Berufe wissen, wie es für sie weiter geht, nur wir tappen im Dunkeln. Kitas schließen, öffnen, eingeschränkter Regelbetrieb, ach nein, öffnen wir doch wieder ganz, denn die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder Covid-19 übertragen ist ja so gering.

Wir sind der einzige Beruf, der so ungeschützt arbeitet. Klar, könnte ich eine Maske während meiner Arbeitszeit tragen, aber damit widerspreche ich nicht nur meinen pädagogischen Prinzipien. Emotionen werden durch Mimik unterstrichen. Das kann ich aber nicht, wenn ich einen Mundschutz trage. Genauso sagt man, dass ein Lächeln glücklich macht. Doch, wie sollen Kinder wissen, dass ich sie unter der Maske anlächle? Selbst mir fällt es schwer, die Mimik der Menschen, die mir entgegen kommen, zu erahnen und die Augen, die sonst immer mitgelächelt haben, wirken bei vielen, durch Sorgen und Nöte ( ausgelöst durch die Pandemie), trostlos und leer. Ach und wo wir schon bei den Masken sind, wie soll ich überhaupt eine tragen, wenn den städtischen Mitarbeitern keine zur Verfügung gestellt werden. Als die Maskenpflicht Ende April 2020 in Kraft trat, habe ICH mich an meine Nähmaschine gesetzt und für alle meine Kollegen Masken genäht. Nach ca. zwei Monaten kam dann endlich die erste Lieferung. Solange waren wir auf uns alleine gestellt. Von den FFP2- Masken wollen wir erst gar nicht sprechen. Ich habe genügend Kollegen/innen, die auf die FFP2-Masken angewiesen wären, doch auch die werden alleine gelassen. Genauso erging es uns mit Plakaten zur Abstandsregulierungen. Als unsere selbstgemachten Plakate schon längst fertig und in Benutzung waren, wurden endlich die der Stadt geliefert.

Der Umgang mit den ganzen Risikopersonen ist auch nicht außer acht zu lassen. Einige meiner Kollegen/innen gehören der Risikogruppe (Vorerkrankungen und Alter) an. Sie haben Angst. Angst vor dem Virus, aber auch Angst, wenn sie sich freistellen lassen, um ihren Job. Angst, dass sie, wenn sie nicht mehr arbeiten gehen, ausgemustert werden. Nicht pandemie-fähig = Ausmusterung. Das darf nicht sein. Bei den Lehrern war das wieder ganz einfach. Alle über 60 bleiben Zuhause. Aber bei uns Erziehern? Da schert es niemanden, in welchem Gemütszustand wir arbeiten kommen. Bei den Impfungen sind wir in der vorletzten Sparte und das, wo wir ohne jeglichen Schutz mit mind. 15 Kindern in einem Raum arbeiten. Tagtäglich.

Erzieher ist kein Beruf. Es ist eine Passion. Man aber kann nur ein guter Erzieher/ eine gute Erzieherin sein, wenn das Herz es auch will. Doch im Moment sind viele Kollegen/innen im Zwiespalt. Zwischen der eigenen Fürsorgepflicht und die eine gute pädagogische Fachkraft zu sein. Das macht mich unendlich traurig. Diese Kollegen/innen haben 2/3 ihres Lebens alles für ihren Job und damit für mehr als hunderte Kinder und deren Bedürfnisse getan und nun sind sie es nicht mehr wert, dass man auf ihre Bedürfnisse eingeht?!

Den ersten Lockdown im März haben wir alle gut überstanden. Wir waren für die Kinder der systemrelevanten Eltern im Einsatz. Auch an Feiertagen und Wochenenden. Die Vorschulkindverabschiedung im Sommer unter den vielen, strengen Auflagen haben wir auch gut hinbekommen. Die strahlenden Kinderaugen waren ein Beweis dafür.

Nach der Sommerschließung kam die nächste Herausforderung. Ich musste xxx neue Kinder eingewöhnen. Max. zwei Elternteile durften gleichzeitig bei mir in den Gruppenräumen anwesend sein. Ein terminlicher Kampf. Aber auch das haben wir geschafft. Alle xxxx Kinder waren gut eingewöhnt. (Mal sehen wie es nach dem Lockdown aussieht)

Doch dann Mitte September passierte es. xxx meiner Kollegen bekamen Corona. Eine Gruppe musste komplett in Quarantäne plus xxx Fachkräften. Das führte zu personellen Engpässen und vor allem zu Ängsten. Wir alle (xxx Personen) mussten uns testen lassen. Doch es kam keiner von der Feuerwehr oder dem Gesundheitsamt. Nein, wir mussten uns alle bei einem Hausarzt testen lassen. Drei von uns konnten noch zu dem im Stadtteil niedergelassenen Arzt, die restlichen xxx mussten zu Ärzten in ganz Essen, nur um eine Testung zu bekommen. So bekamen wir das letzte Testergebnis erst 1 1/2 Wochen später. Und zur Krönung, sollten wir uns alle noch in unserer Freizeit oder mit Überstunden während der Arbeitszeit testen lassen. Wie kann das sein?

Wir alle hatten Angst. Angst um uns selber, aber auch um unsere Familienangehörigen. Ich selber gehöre nicht zur Risikogruppe, hatte zu dem Zeitpunkt aber einen Großvater im Pflegeheim. Traute mich aber nicht ihn zu besuchen, solange ich nicht wusste, ob ich nicht vielleicht auch positiv bin. Genauso geht es mir heute wieder. Kann ich mich auf meine Kollegen/innen verlassen? Corona polarisiert, doch halten sich alle an die Verordnungen der Länder? Haben alle ein so hohes Verantwortungsbewusstsein wie ich selber? Wir müssen zwar alle in unseren KOHORTEN ( das Erzieher-Unwort-des Jahres) mit den Kindern bleiben, doch ist es schwierig in der Kita (von den Räumlichkeiten her) mit xxx Kollegen/innen den Abstand zu gewährleisten. Und ja, natürlich tragen wir im Umgang miteinander unsere Masken. Doch wie oben schon beschrieben, sind fehlende Masken ein gravierendes Problem.

Zum Glück sind wir seitdem von Corona verschont geblieben, außer einigen unserer Kitaeltern. Doch befinden wir uns wieder in der selben Situation. Meine eine Kollegin ist über xxx, ihr Mann geht auf die xxx zu. Ein Risikopatient. Jeden Morgen stellt sie sich die Frage, ob sie das Richtige macht, wenn sie in die Kita fährt. Der Zwiespalt zwischen der Bereitschaft alles für unsere kleinen Schützlinge zu tun und dem Risiko, welchem sie ihrem eigenen Mann aussetzt. Hier stellt sich mir die Frage, wieso die älteren Fachkräfte nicht ins Homeoffice gehen können? Wo doch die Politik allen Arbeitgeber dazu rät, ihren Arbeitnehmern die Arbeit von Zuhause zu ermöglichen?

Klar, jeder sagt, sei froh, dass du einen Job hast und keine Existenzängste haben brauchst. Und auch die Prämie war ein tolles Geschenk. Aber was nützt sie mir, wenn ich selber an Covid-19 erkranke und mit Spätfolgen zu kämpfen habe?

Die Quarantäneregelungen sind auch mehr als fraglich, wobei sich diese Regelungen auf alle Berufsgruppen beziehen. Wie kann es sein, dass wenn eines meiner Kinder in Quarantäne ist, das Geschwisterkind ohne jegliche Testung zu mir in die Gruppe kommen kann? Eine Kollegin wegen der Kita in Quarantäne sitzt, ihren Urlaub absagen musste und dann noch, weil sie Urlaub eingetragen hatte, diesen nehmen muss? Sie hat sich schließlich nicht ausgesucht, dass sie alleine Zuhause sitzen soll. Das macht wütend. Man wird für etwas bestraft, wofür man selber nichts kann.

Man merkt, die Politik nimmt uns nicht als Personen wahr. Sie sehen das Große Ganze, aber nicht uns als Menschen. Die Gesundheitsfürsorge für pädagogische Fachkräfte lässt stark zu Wünschen übrig. UND DA MÜSSEN WIR ETWAS GEGEN TUN!

Wir gehen fast jedes Jahr für mehr Geld und Anerkennung auf die Straße. Streiken für bessere Bedingungen. Warum nicht auch jetzt? Warum wurde die Videokonferenz erst für Ende des Monats anberaumt? Wir müssen JETZT laut werden. Nicht erst, wenn schon wieder alles vorbei ist. Jetzt brauchen wir ein WIR. Sonst denkt die Politik, sie kann alles mit uns machen und wir werden die ewige Grauzone bleiben.

Ich weiß, dass ihr diese ganzen Regelungen / Auflagen für uns nicht macht. Aber ich appelliere an euch. Ihr müsst uns jetzt helfen. Wir müssen ein Zeichen setzen. Bis hierhin und nicht weiter. Nicht nur, wenn es um mehr Geld geht. Denn jetzt geht es um etwas viel wichtigeres. Nämlich uns als Menschen. Menschen, die Angst haben.

Also bitte seid das, warum ich, vor Jahren bei euch eingetreten bin. Die Gewerkschaft, die uns hilft.

Bis hoffentlich bald

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Antwort von Martina Peil, ver.di-Fachbereich Gemeinden:

Liebe Kollegin,

herzlichen Dank für deine klaren Worte und die Beschreibung deiner aktuellen Situation. In der Tat fehlen klare Regelungen für die Kitas und mehr Rücksichtnahme und Gesundheitsschutz für die Beschäftigten in den Kindertageseinrichtungen. Aber du beschreibst halt auch die Gemengelage: Pädagogik und Rettung der Kinderansprüche auf der einen Seite und die aktuelle Gefährdungssituation für die Erzieher*innen auf der anderen Seite. Du sagtest richtigerweise, dass euer Beruf auch eine Passion sei und so sehen das auch viele Erzieher*innen. Vielleicht gibt es auch deshalb nicht so viele Hilferufe?

Dennoch muss es ein verlässliches Regelwerk für die Arbeit in den Kitas geben und dabei der Gesundheitsschutz für die Beschäftigten beachtet werden. Dies fordern wir übrigens seit Beginn der Pandemie und werden dabei zwar auf Landesebene auch einbezogen, können uns allerdings nicht mit all unseren Forderungen durchsetzen. So bleibt es bisher bei unseren Appellen, Briefen, Petitionen und Pressemeldungen. Ein Streik zu diesem Thema wäre rechtlich übrigens nicht möglich. Wir dürfen leider nur zu Streiks im Zusammenhang mit Tarifverhandlungen aufrufen.

M.E. nehmen zudem auch hier in Essen nicht alle Verantwortlichen ihre Verantwortung wahr. Warum gibt es keine ausreichenden FFP2 Masken? Warum müssen Abstandsschilder selbst gebastelt werden? Wer hatte die Testungen veranlasst? Und warum war dies so schlecht organisiert? Warum wurde eure Kita nicht zumindest teilweise bzw. zeitweise geschlossen nach den Infektionen?

Offensichtlich fühlt sich auch niemand so richtig für euren Gesundheitsschutz verantwortlich. Erst gestern habe ich den Brief an den Essener Dezernenten Herrn Al Ghusain geschickt und hoffe auf eine baldige Rückmeldung. Natürlich hat bisher niemand DIE Lösung für diese Probleme, aber wir Gewerkschafter*innen haben einige gute Vorschläge gemacht (s. Internetseiten von ver.di auf Bundes-, Landes- und Essener Ebene).

Deine Frage ist angebracht: wie können wir erreichen, dass die Vorschläge auch umgesetzt werden?

Weil uns bisher die Rückmeldungen fehlen, auch ob überhaupt Kolleg*innen etwas unternehmen möchten, wollen wir uns nun am 26.1. online treffen.

Wenn du es erlaubst, würde ich deine Beschreibung der Situation gerne veröffentlichen – mit oder ohne Namensnennung (wie du möchtest) und dies zu einer Grundlage der Diskussion machen.

Mit freundlichen Grüßen
Martina Peil
Fachbereich Gemeinden
ver.di Bezirk Ruhr-West
Teichstr. 4a
45127 Essen